Geteilte Einsamkeit. Zerteilte Zweisamkeit.

Ilona Pászthy: „einszwei…“

„einszwei…“. Eins. Zwei. Eine Bühne, zwei Seiten. Zwei Leinwände, auf jeder Seite eine. Ein Flokati Teppich, eine kleine Videokamera, auf jeder Seite. Hier ein Mann, da eine Frau. Voneinander getrennt. Eins. Zwei.

Auch das Publikum ist getrennt. Für welche Seite entscheiden? Eins oder Zwei. Die Seite darf und soll während des Stückes gewechselt werden. Doch der Zuschauer hat nie beide Seiten gleichzeitig im Blick. Oder doch? Da ist ja noch die Kamera, die in überdimensional großen Bildern den Anderen scheinbar zum Greifen nah auf die eigene Seite holt. Oder nicht? Es ist nur eine Leinwand, nur ein Ausschnitt zu sehen. Den Ausschnitt, den die Kamera zulässt und den der Tänzer auswählt. Alles was außerhalb liegt bleibt verborgen. Ständig wird etwas verpasst. Geräusche sind von der anderen Bühnenseite zu hören und können nicht zugeordnet werden. Sie passieren außerhalb des Kamerabildes. Sie machen neugierig. Sie schüren den Wunsch schnell und oft die Seite zu wechseln. Von Eins zu Zwei, von Zwei zu Eins. Bloß nichts verpassen. Doch es gelingt nicht.

Das Bühnenkonzept lässt keine Zweisamkeit zu. Weder für die Zuschauer, noch für die Tänzer. Die Tänzer können noch nicht einmal die Seiten wechseln. Physischer Kontakt unmöglich. Eins. Zwei. Ihre einzige Verbindung sind die Bilder der Videokamera. Kleine Ausschnitte der Realität. Nie vollständig. Immer wird etwas verpasst. Einsamkeit statt Zweisamkeit.

Der Bühnenaufbau lässt Tänzer und Zuschauer in ähnlicher Weise die Thematik des Stückes erleben. Geteilte Einsamkeit. Zerteilte Zweisamkeit. Der Zuschauer erlebt eine ähnliche Distanz, wie sie die Tänzer erfahren. Eine Distanz, die wächst durch die zunehmende Multimedialisierung. Eine Distanz, die Einzug hält in die zwischenmenschliche Kommunikation. Eine Distanz, die immer weniger körperliche Nähe zulässt. Lösen virtuelle Kontakte die realen Kontakte ab?

Die Bewegungen der Tänzer machen spürbar, wie es zerreißt einander nur virtuell zu umarmen. Wie Körper sein, wenn es keinen anderen Körper gibt, der ihn berührt? Ein Blick nach oben. Eine leichte Kopfbewegung. Ein ungeduldiges Wippen mit dem Fuß. Eine Drehung der Schulter. Kleine, langsame und scheinbar unbewusste Bewegungen, die immer schneller, größer und intensiver werden. Die Tänzer vergewissern sich ihrer selbst. Den eigenen Körper anfassen, fühlen, riechen. Eins sein mit dem eigenen Körper, wenn schon nicht mit dem Anderen. Die eigene Körperlichkeit spüren. Eins. Wo ist Zwei?

Die Leinwand bleibt eine unüberwindbare Grenze, die perfide die unerreichbare Nähe des Anderen in Aussicht stellt. Anfassen, fühlen und riechen unmöglich. Die Virtualität verhindert gemeinsames Erleben von Körperlichkeit. Die Leinwand als Grenze, die Kamera als Begrenzung. Eins. Zwei. Berührung unmöglich. Zweisamkeit unmöglich.

Die virtuelle Welt verspricht Überwindung von Distanz. Kann sie das Versprechen halten? Live-Videos lassen 1000km Entfernung auf 10cm schrumpfen. Chatrooms ermöglichen persönliche Gespräche von Kontinent zu Kontinent. SMS schaffen permanente Erreichbarkeit. Körperliche Distanz scheinbar überwunden. Wer braucht da noch physische Anwesenheit? Doch die Körper der Tänzer schreien unüberhörbar, dass nichts die Intimität einer Berührung, nichts die Intensität eines Blicks ohne ein Dazwischen ersetzen kann. Darin sind sie sich einig, damit sind sie alleine. Eins. Zwei.

Eine Antwort zu “Geteilte Einsamkeit. Zerteilte Zweisamkeit.”

  1. In Bezug auf das Verhältnis von Nähe und Distanz der Kommunikation durch neue Medientechnologien, welches im Artikel angesprochen wird, stellen sich mir zwei Fragen:

    1) Ist die Suggestion einer möglichst intimen Nähe überhaupt das Anliegen neuerer Kommunikationformen, etwa des Videogesprächs? Nur weil visuelle und akustische Kanäle immer häufig gemeinsam verwendet werden, heißt dies ja noch nicht, dass etwa eine Nähe von Geruch, Geschmack oder eben hier Berührung ebenso gewünscht wäre…

    2) Handelt sich bei dem Defizit von körperlicher Präsenz als Unmöglichkeit der Berührung nicht um eine alltägliche Erfahrung, welche unabhängig von Formen der Video/Audio-Kommunikation ist? Unter welchen Beziehungen lassen die gesellschaftlichen Konventionen überhaupt körperliche Berührung zu?

    3) Ist die Unmöglichkeit der Berührung in der Virtualität (etwa beim Videogespräch) wirklich ein kategorialer Makel des Systems Telekommunkation? Stellt sie nicht bloß einen Aspekt dar, welche bloß noch technisch zu knacken ist? Wenn wir uns mit der telefonischen Stimme als reale Stimme und dem Video-Gesicht als reales Antlitz abfinden; wieso sollte gerade die künstlich übersetzte Berührung dort eine Ausnahme bilden?

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