– ICI — : Vom Hier aus tanzen wir durch die Zeiten
« Soit un passé, soit un avenir, sans rien qui permettrait de l’un à l’autre le passage, de telle sorte que la ligne de démarcation les démarquerait d’autant plus qu’elle resterait invisible : espérance d’un passé, révolu d’un avenir. Seule, alors, du temps resterait cette ligne à franchir, toujours déjà franchie, cependant infranchisable et, par rapport à « moi », non situable. L’impossibilité de situer cette ligne, c’est peut-être cela seulement que nous nommerions le « présent ». »
(Maurice Blanchot, Le pas au-delà)
Dies möchte ein Text sein. Dies möchte ein Text sein, der nicht über die Performance „Ici“ (Choreografie: Mylène Benoit, Olivier Normand) spricht, welche während des Festivals „Temps d’Images“ an zwei Abenden im Tanzhaus in der Form einer Vorpremiere stattfand. Dies möchte kein Text sein, der über „ICI“ spricht. Dies möchte ein Text sein, der aus „ICI“, aus dem HIER heraus spricht, der von „ICI“ herkommend die Bewegung aufgreift und weiterführt. Der Text kommt zu spät. Er findet in einem Aufschub, einem „Delay“ statt, in einem rückblickenden Tanz um das Hier, das nicht mehr da ist. Ein Tanz, der die Produktion eines Taumels ist. Ein Taumel, der sich im Auge des Betrachters ereignet hat und hier, an Ort und Stelle sich ereignet. Und sich ereignen wird. An anderer Stelle.
– Gleichzeitigkeiten –
ICI. Hier. Was ist hier? Wo ist hier? Wann ist hier?
Von wo aus Frage ich nach dem Hier? Was ist der Ort, der es mir erlaubt, nach dem Hier zu fragen?
Wenn ich nach dem Ort frage, der es mir erlaubt nach dem Hier zu fragen, dann frage ich nach dem Hier als einer Frage nach dem Ort, von dem ich aus diese Frage stelle.
Ich frage nach dem Hier vom Ich aus. Denn hier bin ich. Ich bin hier. Das Ich ist das, von dem aus ich die Frage des Hier stelle. Das Ich ist der Aufbruch des Hier. Hier, an Ort und Stelle, breche ich auf. Hier, dass ist eine Bestimmung, eine Situierung, eine Differenzierung des Raumes. Es ist meine Position im Verhältnis zu allem anderen. Im Hier falte ich den Raum auf diesen Punkt zurück, der ich bin. Das hier ist die Aneignung des Raumes durch ein „Ich“. Vom Hier aus bin ich zur Welt. Es ist mein Ich, dass hier ist und hier ist, wo ich bin.
Eine Tautologie.
Aber kann es diese Tautologie – dieses ich ist hier, das Ich ist das Hier und das Hier ist das Ich – geben, ohne dass es das Da gibt?
Wenn ich hier sage, sage ich gleichzeitig da, denn das Hier ist nur bestimmt in einem Verhältnis, dem Verhältnis zum Da oder dem Dort. Wie gesagt, das Hier ist meine Position im Verhältnis zu allem anderen, zu allem anderen, das da ist. Es gibt kein Hier, das nicht sein Da hätte. Hier ist, wo nicht da ist. Das Hier ist das Nicht-Da und das Da ist das Nicht-Hier. Hier ist, was nicht da oder dort drüben ist. Und das Dort-Drüben ist nicht hier.
Da ist, wo ich nicht bin, wo nicht Hier ist. Vielleicht bist auch du da? Und wenn ich hier bin, dann bist du dort und nicht hier. Und wenn du dort bist, dann bin ich hier. Hey, du da! Du bist nicht hier, bist nicht, wo ich bin. Und ich bin nicht dort, wo du bist. Ich bin hier und du bist dort. Ich ist hier und du ist dort. Ich und Du, Hier und Dort.
– Ungleichzeitigkeiten –
Ich hier, du dort. Bestimmt. Bestimmbare Punkte auf einer starren, unbewegten, leeren Ebene. Ein dreidimensionales Koordinatensystem. Zwei abstrakte Punkte im Raum.
Was ist aber, wenn es Zeit gibt? Wenn es die Zeit gibt? Wenn die Zeit die Bewegung gibt und die Bewegung die Zeit? Man geht einen Schritt, weiter, macht eine Volte ins Unbestimmte. Wenn es Zeit gibt, wenn es Bewegung gibt, dann ist das Hier nicht nur das Nicht-Da, sondern dann ist das Hier auch nicht das Nicht-Da. Und das Da ist zugleich das Nicht-Hier und nicht das Nicht-Hier. Wie kann denn das Hier zugleich das Nicht-Da sein und nicht das Nicht-Da sein? Was wäre denn dann das Hier, wenn das Hier immer nur in einem Verhältnis zu einem Da bestimmbar ist? Und wenn das Hier zugleich durch das Da (als ein Nicht-Da) bestimmt und zugleich nicht bestimmt über ein Da ist (als nicht ein Nicht-Da)?
Also einen Schritt weiter. Ein Schritt und mein Hier wird zu einem Da und das Da wird zum meinem Hier. Ja jetzt ich bin hier, aber zuvor war ich noch dort und im nächsten Augenblick werde ich vielleicht schon nicht mehr hier sein, sondern dort. Ein Fortschreiten. Und das Hier erzittert. Wo ich noch zuvor stand, wo ich in meinem starrenden Stehen mein Hier bekräftigte, bin ich nicht mehr und an Ort und Stelle, wo ich bin, werde ich nicht mehr sein
Das Hier ist nicht mehr das Nicht-Da, das es zuvor war. Es ist nicht das Nicht-Da, das es zuvor war. Denn das Da wurde zu einem Hier und das Hier wurde zu einem Da. Sicherlich, das Hier ist ein neues Nicht-Da, aber es ist zugleich, in der Spanne eines Schrittes, der sich erhält, nicht das Nicht-Da, das es zuvor war. Wie könnten wir gehen, wenn wir das Hier / das Nicht-Da, das gewesen ist, vergessen würden, d.h. wenn es keine Verbindung zwischen den verschiedenen Hiers und Nicht-Das gäbe: in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Hier, jetzt, ist das Nicht-Da und nicht das Nicht-Da. Vielleicht könnte man auch sagen – gesprochen mit einem Mund, den die Zeit trägt – das das Hier das Da ist und das Da das Hier? Dass das Hier auch die vergangenen Das und die zukünftigen Das in sich begreift?
Und wo bist du? Vor langer Zeit, im unbewegten Raum der Koordinaten und Punkte, der zeitlosen Stasis, warst du dort. Und ich war hier. Aber vielleicht bist du jetzt dort, wo ich hier war? Vielleicht bist du hier, in meinem Hier, das mit der Zeit geht? Vielleicht ist dein Dort eine Kopie meines Hiers, wie es einmal gewesen ist und nicht aufhört zu sein? Vielleicht sind deine Schritte in der Zeit, deine Bewegungen des Hier, das sich verschiebt, auch meine Bewegungen? Vielleicht sind sie es gewesen, oder werden es sein oder werden es gewesen sein? Vielleicht sind meine Bewegungen, die ihr Hier fanden, deine Bewegungen, die dein Hier suchen? Vielleicht sind in einem Kristall, in dem sich die Zeiten brechen, meine Bewegungen auch deine Bewegungen. Vielleicht ist mein Hier auch dein Hier und mein Dort auch deines?
In der Bewegung sind die Stellen, die Orte des Hier und des Da nicht absolut, nicht einfach bestimmbar. In der Bewegung, d.h. in der Zeit war das Da mal hier und das Hier mal da und wird das Da ein Hier sein und das Hier ein Da. In der Bewegung, in der Zeit und mit der Zeit ist das Hier nicht Hier und das Da nicht Da, ist das Hier nicht da und das Da nicht hier ist das Nicht-Da nicht hier und das Nicht-Hier nicht da ist das Da nicht nicht hier und das hier nicht nicht da ist das Hier das Da und das Da das Hier.
Und du? Du bist hier und ich bin hier. So wie ich dort bin, wo du hier bist. So wie du dort bist, wo ich hier bin. Wir fragen. Im Lesen und im Schreiben. Im schreibenden Lesen und im lesenden Schreiben. In der Bewegung und im Schauen. In der schauenden Bewegung und im bewegten Schauen. Eine Frage des Hier. Und hier und hier und hier. Körper, die zusammen fallen. Von Fall zu Fall. ICI.
März 30, 2010 um 12:08 vormittags
Der Text, welcher “aus ICI, aus dem HIER heraus spricht”, vollführt eine interessante Bewegung: während außer im einleitenden Absatz kein einziges Mal das Wort “Tanz” fällt oder ein expliziter Bezug zum Tanz erscheint, gibt der Verfasser eine präzise Charakterisierung des Tanzes (und konkreter des zeitgenössischen Tanzes) zum Besten.
Hiernach sind Räumlichkeit und Zeitlichkeit die wesentlichen Dimensionen des Tanzes – ihr Zusammenspiel, das Fortschreiten in ihren Ausmaßen, erschafft Bewegung und damit den Kern jeder Art von Tanz. Zurecht wird in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass Räumlichkeit ohne zeitliche Dimension zu einem polarisierten und idealistisch-statischen Bild von eigenen Positionen und den Positionen anderer führt: “mein Hier” gegen “dein Dort”. Durch die Zeit (und damit die Bewegung) werden die Grenzen zwischen einzelnen Entitäten fließender, eine grundständige Verzahnung des Seins tritt zu Tage.
Die Beziehung von Subjektivität/Objektivität und Zeit/Raum im Rahmen der Tanzkunst ließe sich aber gewiss auch in einem anderen (auf den ersten Blick gegensätzlichen) Sinne begreifen: erst durch die dynamischen und wechselhaften Strukturen, welche die Zeit erzeugt, erst durch die Transformation von Punkten der Position zu Spuren der Bewegung kann überhaupt so etwas wie Subjektivität entstehen. Während das Ding, das im Ununterschiedenen verharrt, nicht als ein Subjekt identifiziert werden kann, weil es jeder Relation entbehrt, so lässt sich eine Zuweisung erst in der Beobachtung der Bewegung durch ein vielschichtiges Geflecht von Unterschiedlichkeiten vollziehen.
Die Wichtigkeit der zeitlichen Dimension für die Beziehung zwischen dem ich und dem Du – insbesondere auch im Tanz – zeigt sich also nicht erst in dem Versuch, die Vorstellung eines gegenseitigen Ausschlusses von Subjekt und Objekt zu hinterfragen, sondern betrifft schon in wesentlichem Maße die Frage nach einer sinnvollen Zuschreibung in erster Instanz.