Isabella Souparts “Collisions” oder: Die Anklage Gilles Deleuzes durch eine Katze
Teil 1
Eine Hand umfasst ein Bündel Mikadostäbchen. Sie berühren den Boden. Die Finger öffnen sich. Die Stäbchen fallen, fallen um, rollen, liegen aufeinander und untereinander. Zwischeneinander. Unabsehbar, im Fall, die Ordnung, die Konstellation, die sich ergeben wird. Wo wird jedes einzelne Stäbchen liegen, an welche anderen Stäbchen wird es angrenzen, welche wird es berühren? Ein Bild in einem Augenblick, projiziert auf eine Leinwand über der Bühne, auf der am 7. Januar die Tanz-Performance „Collisions“ von Isabella Soupart gezeigt wurde. Der Beginn. Die Bilder beginnen von vorne. Die Stäbchen stehen wieder aufrecht, umfasst von der Hand. Sie werden wieder fallen. Ein ums andere Mal. Mal erreichen sie den Boden, angezogen von der Schwerkraft, manchmal setzt das Video schon wieder von vorne an, bevor die Stäbchen das Ziel ihres Falls im Boden finden. Ein ums andere Mal wiederholt sich der Fall. Von Fall zu Fall die gleichen Bilder und doch anders. Jedes Mal. Der Schnitt im Film zerteilt die Zeit. Keine gleichgültige Linie, die ihre Gleichheit bis in die Unbestimmtheit einer Zukunft ohne Horizont zieht. Die Zeit ist nicht gleichgültig. Sie ist nicht indifferent. Sie differenziert sich und mit ihr die Welt. Sie ist Rhythmus. Die Bilder haben einen Rhythmus, ihre Abfolge, ihre Schnelligkeit, ihr Ton ist Rhythmus. Jedes Mal anders und doch gleich in einer unbegrenzten Wiederholung. Differenz und Wiederholung. So lautet auch der Titel des frühen Hauptwerks von Gilles Deleuze.
Gilles Deleuze, wohl einer der bedeutendsten Philosophen der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Deleuze, der Denker der Kräfte, der Intensitäten, des Werdens, der Maschinen und der Immanenz. Deleuze, der Denker der Bewegung dessen Denkbewegungen, dessen Begriffe und Konzepte aus dem Vokabular und den Theorien der heutigen Geisteswissenschaften nicht mehr wegzudenken sind: Deterritorialisierung, Serie, Körper ohne Organe, Wunschmaschinen, Tier-Werden, Rhizom, Verkettung. Um nur einige der bekanntesten zu nennen.
Doch was hat dieser Deleuze mit „Collisions“ zu tun?
Wir hören nicht die Verlautbarung seines Namens, nicht seine Stimme als gespensterhafte Aufzeichnung und Einspielung, wir sehen kein Abbild seiner Erscheinung im Bild, ja noch nicht einmal taucht ein Zitat aus seinen Schriften oder Interviews auf. Und doch dreht sich die Aufführung in endlosen Zirkeln um diese Nicht-Präsenz und befragt diese Leerstelle.
Dieses Umlaufen eines leeren Zentrums führt auch gleich nach dem Betreten der Bühne der Tänzer (Olivier Taskin) auf. In Kreisen umrundet er den fast leeren Bühnenraum. Nur einige Lampen und Mikrofone hängen an starken Seilen von der Decke in den Raum hinein und zwei Notenständer säumen den Bühnenvordergrund. Der Tänzer kreist, ein ums andere Mal, um das gehängte Ensemble aus Lampen und Mikrofonen. Er kreist und kreist, fügt aber in diese Zirkel ab und an kleine Schwenker ein. Wie ein Fußballspieler, der kurz antäuscht, eine Bewegung vortäuscht. Man könnte vielleicht sagen er umrundet sein Territorium, seinen Raum, seine Spielfläche. Nach den Zirkeln bewegt er sich zwischen den gehängten Elementen, stößt sie an, bringt sie zum Schwingen, schwingt selbst an den Seilen, testet die Mikrofone. Kurze Laute, die Ruhe der Objekte gerät in Schwingung. Er tritt an den Notenständer, von irgendwoher erklingt eine Stimme. „Fangen wir mit A an. A wie Tier [animal]… Ein Mann der Tiere und Kinder nicht mag, kann nicht ganz schlecht sein… …Katzen sind für dich nicht besser als Hunde…Du spricht von ekelhaften Tieren, von Zecken, von Läusen…Du trinkst…Du magst die Oper nicht…Ja, du ließt Kafka“ Eine Collage von Sätzen, von Worten, rätselhaft, wie abgebrochene Fragmente eines verstreuten Textes, der sich nicht mehr fügen will. Woher kommen diese Worte, was wollen sie sagen?
In dem einzigen Fernsehinterview, das Gilles Deleuze zeit seines Lebens gegeben hat (L’Abécédaire de Gilles Deleuze [1988/89]; nun endlich auch mit deutscher Untertitelung bei Zweitausendeins erschienen) antwortet Deleuze innerhalb von siebeneinhalb Stunden auf die Fragen seiner Freundin Claire Parnet, denkt sich durch die alphabetisch Struktur der Begriffe, die von Parnet vorgegeben wurden (a comme animal, b comme boison, c comme culture, etc.). Doch die Satzfragmente, die in „Collisions“ auf der Bühne stehen, sind nicht von Deleuze. Es sind Teile der Fragen, die Parnet an Deleuze richtet. Um die Worte nach den deutschen Untertiteln nochmals zu wiederholen:
Claire Parnet: „Gut dann fangen wir mit A an. Und A ist >animal<, Tier. In gewisser Weise passt da auf die der Satz von W.C.Fields: ‚Ein Mensch, der weder Kinder noch Tiere liebt, kann nicht ganz schlecht sein.’ Die Kinder lassen wir vorerst beiseite, Haustiere aber, das weiß man, magst du nicht beesonders. Naja man weiß nicht, ich weiß es. Und da lässt du selbst die Unterscheidung Baudelaires oder Cocteaus nicht gelten: Katzen sind für die nicht besser als Hunde. Dafür zieht sich durch dein Werk ein ganzes Bestiarium der eher abschreckenden Sorte, d.h. außer von Raubtieren, edlen Tieren, spricht du ungeheuer oft von der Zecke, der Laus, von lauter so ekelhaften kleinen Tieren. Und die Tiere haben dir zudem sehe gute Dienste geleistet für einen Begriff, der seit dem Anti-Ödipus eine zentrale Rolle in deinem Werk spielt: das Tier-Werden.“
Bei „Collisions“ klingen die Worte aber nicht mehr wie eine freundschaftliche, neutral formulierte Frage, sondern wie ein Vorwurf. Ein Vorwurf, vorgetragen von der zweiten Bühnenfigur des Abends: der Tänzerin (Bérengère Bodin). Sie i
st wohl zu Beginn des Abends die verschmähte Katze, die in das Territorium des Tänzers (von Deleuze?) eindringt.
Teil 2
Langsam tritt sie auf die Bühne, schleichend nahezu. Ihre biegsamen Glieder fließen, sie räkelt sich geschmeidig, stolz und elegant. Als wär’s die Verkörperung des Dichterwortes, des bereits erwähnten Baudelaires:
„In meinem Hirn, als wär’s ihr eigner Raum,
Schleicht auf und nieder auf der weichen Tatze
Geschmeidig sanft die schöne, stolze Katze.
Und ihrer Stimme Tun vernimmt man kaum,
So zart und heimlich ist ihr leis Miauen.
Und ob sie zärtlich, ob sie grollend rief,
Stets ist der Klang verhalten, reich und tief
Und Zauber weckend und geheimes Grauen. […]“
(Charles Baudelaire: Die Katze)
Die Tänzerin tritt ein und besetzt den Raum des Tänzers, der wenig empfänglich für den lasziven Charme und die gestischen Verführungen des katzengleichen Körpers scheint. Auch als sie ihn umschwänzelt, sich an ihm reibt und sich in seinen Schoß einrollt, tut er dies mit wenig emphatischen Bewegungen ab. (Ja, auch Deleuze hatte einmal eine Katze, die ihm eines seiner Kinder ins Haus geholt hatte und es ist müßig zu sagen, dass er das Tier nicht sehr mochte.) Ja, ja, mach nur, scheint er zu sagen. Die Tänzerin spielt nun, wie der Tänzer zu Anfang mit den herunterhängenden Seilen und den daran befestigten Leuchten und Mikrofonen. Schwingt sich, hangelt sich hinauf, pendelt, verfehlt nur knapp ein anderes schwingendes Seil. Irgendwann nach dem Spiel treten beide Tänzer in die Mitte der Bühne und postieren sich hinter den Notenständern. Wir sprechen jetzt: vielleicht 5, vielleicht 10 Minuten. Die Tänzerin intoniert die oben bereits angeführten Textpassagen. Auf Französisch, mit kurzer Verzögerung live übersetzt von einer Dolmetscherin am Rand der Bühne. Die Sätze, die im Interview mit Deleuze noch Fragen waren schließen sich zu Vorwürfen. Was soll das nur mit diesem widerlichen Getier, mit diesen Zecken und Flöhen, die dich so beschäftigen und die du den Katzen und Hunden vorziehst?
Ja, was lag Deleuze an diesen Tieren? Was interessiert ihn an der Zecke, an den Vogelgesängen, denen er ganze Kapitel in seinen Büchern widmete, an den Meuten von Wölfen und Ratten, am Piepsen der Mäuse? Im Interview mit Claire Parnet bemerkt Deleuze, was ihn an den Tieren fasziniere, sei, dass sie eine Welt hätten und vielleicht versteht man dies besser, wenn man hinzufügt, dass diese Beschäftigung mit dem Tier aus einem Unbehagen am Menschen resultiert. Oder besser gesagt: was Deleuze nicht akzeptieren wollte war die Reduktion des Denkens und der Welt auf das menschliche, allzumenschliche, ein Denken, dass nur in der kleinen, provinziellen Welt des Menschen lebt. Auch deshalb dachte er sehr genau über tierisches Verhalten und Expressivität nach. Zum Beispiel über das der Zecke. In einer unermesslichen Natur hat sie eine Welt, eine extrem reduzierte Welt. Sie antwortet oder reagiert nur auf drei Reize. Sie strebt zum äußersten Ende eines Zweiges, angezogen vom Licht und wartet dort auf einen Körper, der vorbeikommt, um sich fallen zu lassen, sich die am wenigsten behaarte Stelle dieses Körpers zu suchen und sich unter die Haut zu bohren. Die Zecke also, ein Tier, dessen Körper für ganze drei Reize empfänglich ist von denen es affiziert wird. Ein Körper, der wenige Vermögen besitzt, die seine Welt ausmachen. Eine Welt, die er hat. Ein Körper. Eine Welt. Ein Körper, von dem nicht klar ist, was er ist. Kann ein Körper überhaupt sein? Also sich selbst gleichen, gleich bleiben, identisch sein. Ein Körper sein? Für Deleuze ist ein Körper ein Vermögen, ein Vermögen affiziert zu werden und zu affizieren und darin sind sich alle Körper gleich. Ob Katze, Zecke, Stein, Gänseblümchen, Wackelpudding.
Man sieht, Deleuze will auf etwas anderes hinaus als auf eine schön gegliederte hierarchische Ordnung mit dem vernunft- und sprachbegabten Menschentier an der Spitze der vertikalen Stufenleiter der Existenz. Auch sollte sich dieser Mensch hüten zu glauben, er hätte die Kunst erfunden. Tiere haben nicht nur eine Welt, sondern sehr viele haben auch ein Territorium. Ein Territorium, das sie nicht nur mit Drüsendüften markieren, sondern an dessen Erschaffung auch bestimmte Haltungen (z.B. sich bücken, sich aufrichten), bestimmte Farben (z.B. des Federkleides) und Gesänge (mit jeweils ganz eigenen Melodien, Harmonien, Rhythmen) beteiligt sind. Ein Territorium, dass sind Düfte-Farben-Haltungen-Gesänge. Ist das nicht Kunst? Zumindest für Deleuze. „Farbe, Gesang, Haltung: das sind die drei Bestimmungen der Kunst.“ Die Kunst geboren also aus der Errichtung eines Territoriums? Doch ist dieses Territorium niemals abgeschlossen, sondern immer offen auf ein Außen hin, immer von einem Vektor, einer Kraft durchzogen, die aus diesem Territorium herausführt. Deleuze würde sagen: keine Territorialisierung ohne Deterritorialisierung. Aber diese stellt immer eine Gefahr da. Was heißt es außerhalb des eigenen Territoriums zu sein? Außerhalb des bewohnten Gewohnten, der Sicherheit des Bekannten und Erkannten? Wagt man es in dieses Außen vorzudringen. Es geht darum herauszukommen, wie Deleuze sagt, wie es auf der Bühne von „Collisions“ gesagt wurde.
Und dann erscheint die zweite Videoeinspielung des Abends.
Fortsetzung folgt …


Januar 11, 2010 um 12:34 am
Ließe sich im Anschluss an die Überbelungen zur Beziehung zwischen der Performance und Deleuzes Theorie ein Diskurs über das Verhältnis von Zeitgenössichem Tanz, Medienkunst und ETHIK in Gang bringen? Viele der zitierten Begrifflichkeiten drehen sich ja offensichtlich um mehr oder weniger individuelle bzw. gemeinschaftliche normative Kategorien:
1) in den beschriebenen Akten der Grenzziehungen durch räumliche Bewegungen der Umreißung
2) in den Fragen nach gewissen Vorlieben und Abneigungen
3) in der Modifikation vom interviewenden/neutralen zum kritischen/vorwurfsvollen Gestus der Fragen
Wie kann eine Ethik des Tanzes aussehen, welche von konkreten Einzelpositionen politischer oder moralischer Art abstrahiert? Oder ist Zeitgenössischer Tanz als solcher schon ethisch, im Sinne einer Orientierung an künstlerischen Formen, welche immer Positionierung bedeuten? Ist Kunst immer auch ethisch, letztlich politisch? Diese Fragen beschäftigten nicht erst Deleuze ;-P
Januar 11, 2010 um 9:58 pm
Vielen Dank für den anregenden Kommentar. Zur Ethik werde ich ganz zwangsläufig kommen. Nicht umsonst ist einer von Deleuzes zentralen Bezugspunkten Spinoza und dessen Auffassung des Körpers. Und sein Hauptwerk heißt: Ethik. Nur noch etwas Geduld…